Verstrahlung

Wenn radioaktiver Schnee vom Himmel fällt. 













Masako Sawai, Citizen’s Nuclear Information Center (CNIC) in Tokio, 2012  







Rechenspiele zur Dosisleistung

Ohne Blindenhund ist man hier verloren. Unser Blindenhund ist ein kleines gelbes Gerät mit dem Namen «Gamma-Scout». Es misst die radioaktive Strahlung in Mikrosievert pro Stunde (μSv/h).

Die Regierung hat festgelegt, dass Gebiete, die mit mehr als 4,6 μSv/h strahlen, nicht besiedelt werden dürfen, weil man dort eine Jahresdosis von zwanzig Millisievert abbekommt – eben die Dosis, die auch für die Daiichi-Arbeiter gilt. Die Zeit arbeitet für die Regierung. Denn beim Unfall sind Cäsium-134 und Cäsium-137 freigesetzt worden. Das eine zerfällt relativ schnell, das andere hat hingegen eine Halbwertszeitvon dreissig Jahren. Deshalb ist die Strahlung in den ersten Jahren nach dem Unfall merklich zurückgegangen. Die Regierung hat das ursprüngliche Sperrgebiet inzwischen stark reduziert, heute ist es noch etwa einen Drittel so gross wie 2011.

Wer soll wann zurück?
Gebiete, die mit mehr als einem Millisievert pro Jahr (mSv/J) belastet sind, werden auch ausserhalb der heute geltenden Sperrzonen dekontaminiert. Die Dekontaminierung in der Sperrzone wird ebenfalls vorangetrieben, die Menschen sollen zum Teil noch dieses Jahr zurückkehren (grüne Zone). Dabei gelten allerdings nicht die real im Freien gemessenen Strahlenwerte: Man reduziert die effektiven Werte um die Hälfte (zum Beispiel 2 mSv/J auf 1 mSv/J) mit der Begründung, die Leute würden die Hälfte der Zeit in den Häusern verbringen, wo die Strahlenbelastung gering sei. KritikerInnen wie Masako Sawai vom Citizen's Nuclear Information Center (CNIC) entgegnen, Kinder wären weitaus häufiger draussen als Erwachsene.

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Die dementen Menschen nicht entwurzeln

«Man stirbt oft bei uns», ist etwas vom ersten, was Masami Sanpei sagt. Dann beginnt er zu rechnen, vor zwei Jahren hatten noch 111 Menschen hier gewohnt, jetzt seien es noch 82. Das klingt dramatisch, doch Sanpei ist Direktor eines Altenheims. Die BewohnerInnen sind im Durchschnitt 85 Jahre alt – dass man hier stirbt, ist traurig und gehört doch dazu. Bedrückend ist indes der Ort, weil draussen das normale Leben verschwunden ist. Das Altenheim steht in Iitate-Mura, in der Sperrzone von Fukushima, etwa 45 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt. Die Gemeinde befindet sich ausserhalb der Zwanzig-Kilometer-Zone, in der man früher regelmässig übte, was zu tun wäre, wenn sich in Daiichi ein schwerer Atomunfall ereignen würde. Die Menschen, die in Iitate-Mura gelebt hatten, kümmerten sich nicht um das AKW, für sie war es weit weg, verborgen hinter vielen Hügeln. Sie profitierten finanziell nicht davon und es interessierte sie nicht. Doch dann schüttelte am 11. März 2011 ein heftiges Erdbeben die Nordostküste Japans und löste einen gigantischen Tsunami aus. Danach lief alles aus dem Ruder und in Fukushima Daiichi schmolzen nacheinander drei Reaktoren durch.

Der 15. März war einer der schlimmsten Tage, eine radioaktive Wolke zog gegen Norden. Weil es über den Hügeln von Iitate-Mura schneite, glitten die strahlenden Partikel mit den Schneeflocken zu Boden und blieben auf den Häusern, Strassen, Wäldern und Feldern liegen. Es dauerte lange, bis die Leute von Iitate-Mura erfuhren, wie hoch die Strahlenbelastung in ihrer Gegend war. Sanpei erzählt, wie schwierig es in den ersten Tagen nach dem Erdbeben war, die alten Menschen zu versorgen. Es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung. Man improvisierte, versuchte Wasser zu organisieren, merkte erst nach Tagen, dass das Wasser aus den lokalen Quellen mit radioaktivem Jod verseucht war. Also stellte man auf Mineralwasser um, was nicht einfach war, für ein Haus mit über hundert Menschen. Stolz sagt Sanpei: «Und niemand ist während dieser schwierigen Zeit gestorben.»

Später wurden alle EinwohnerInnen von Iitate-Mura zwangsevakuiert. Da stellte sich die Frage, ob man auch das Altenheim räumen sollte. Achtzig Prozent der BewohnerInnen seien dement, sagt Sanpei. Man wollte den alten Menschen nicht zumuten, sich in einer fremden Umgebung einleben zu müssen. Also entschied die Gemeindeverwaltung, das Altenheim nicht umzusiedeln.


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Masami Sanpei, Direktor Altersheim Iitate-Mura, 2012






Die Spielhalle von Futaba, auf dem Platz daneben schlägt das Strahlenmessgerät Alarm.

Auf der Route 6 durch die Sperrzone

Die Route 6 ist die Strasse ins Herz des Infernos – wer von Naraha ins AKW Daiichi will, fährt über die Route 6. Lange war die Strasse wegen der hohen Strahlenbelastung zwischen Naraha und Minamisoma gesperrt. Seit letztem Herbst ist sie wieder offen. Alle können durch die Sperrzone fahren, es gibt keine Checkpoints, keine Kontrollen. Man wähnt sich auf einer normalen Strasse. Doch der «Gamma-Scout» vermeldet, dass die Strahlung steigt.

Irgendwo auf der Route 6 blinkt am Strassenrand ein Schild mit roten und gelben Schriftzeichen. Sie besagen: «Hier beginnt die Sperrzone.» Es ist verboten, die Strasse zu verlassen. MotorradfahrerInnen dürfen die Strasse nicht befahren, weil sie riskieren, strahlende Partikel einzuatmen. Die Fahrt geht vorbei an leeren, kaputten Häusern. Gestrüpp hat die Gärten überwuchert. Die Strassen, die früher in die Dörfer führten, sind mit Gittern abgesperrt. In den Zufahrten zu den Parkplätzen der Einkaufszentren stehen Absperrgitter. Der «Gamma-Scout» meldet im Auto 0,42 μSv/h. Wir steigen aus, der Wert geht hoch. Der Verkehr rauscht vorbei, als sei die Route 6 die gewöhnlichste Strasse der Welt. Immer wieder rollen weisse Busse mit Daiichi-Leuten vorbei, die weisse Anzüge und weisse Stoffmasken tragen. Die einen kommen von der Arbeit, die andern fahren dorthin.

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An der Route 6

Impressum:

Realisation: Fabian Biasio

Fotos, Multimedia, Redaktion: Fabian Biasio 
Texte und Recherche: Susan Boos
Übersetzungen: Chihaya Koyama Lüthi,
Masato Yamamoto, Ai Furuya
Musik: Peter Grob (Violine)

Special thanks to:

Masako Sawai
Kenta Sato
Syunji Miura
Ruiko Muto
Kenichi Hasegawa

Copyright:

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